Tabak und Alkohol: warum sich diese beiden Süchte gegenseitig verstärken und das Aufhören erschweren
Warum rauchst du mehr beim Trinken? Tabak und Alkohol teilen einen Hirnschaltkreis. Verstehen, um besser aufzuhören – vor allem abends und beim Aperitif.
Du kennst das Drehbuch: den ganzen Tag nichts geraucht. Du gehst mit Freunden aus, nimmst ein Glas, und zack – schon rauchst du. Die Ursache liegt in deinem Gehirn, und es ist kein Mangel an Willen. Tabak und Alkohol teilen einen gemeinsamen Schaltkreis, und sie nähren sich gegenseitig.
Eine massive Korrelation, kein Zufall
Mehrere Studien stimmen überein: Tabak- und Alkoholkonsum sind eng verknüpft. Je mehr du trinkst, desto mehr rauchst du – und umgekehrt. Der Zusammenhang hält auch unter Kontrolle anderer Faktoren (Alter, sozialer Hintergrund, etc.).
National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism (USA)
Warum: ein gemeinsamer Hirnschaltkreis
Eine aktuelle Studie in Nature Communications eines CNRS-Teams hat den Mechanismus aufgeklärt. Tabak und Alkohol aktivieren dieselben dopaminergen Neuronen in einer Region namens ventrales tegmentales Areal (VTA) – Herz des Belohnungsschaltkreises.
Noch verblüffender: diese Neuronen projizieren in die Amygdala, das Angstzentrum. Derselbe Schaltkreis kodiert sowohl Lust als auch emotionalen Unbehagen – was erklärt, warum Tabak und Alkohol dich entspannen und ängstlich machen können, manchmal gleichzeitig.
Dieselben Netzwerke, die Belohnung kodieren, können unter bestimmten Bedingungen negative emotionale Zustände erzeugen. Diese Dynamik beleuchtet den häufigen gemeinsamen Konsum von Tabak und Alkohol.
Team Faure / Reynolds, CNRS Sorbonne Université
Studie Nature Communications, 2025
Vier Mechanismen, die das Selbstverstärken erklären
Alkohol, Auslöser Nr. 1 für Rückfälle
Alle Rückfallstudien deuten auf Alkohol als Auslöser Nr. 1 bei Ex-Rauchern. Das hat mehrere Gründe:
Das Gehirn hat Trinken und Rauchen jahrelang verknüpft – die Verbindung verschwindet nicht in Wochen.
Alkohol schwächt das Urteilsvermögen („nur eine, das macht nichts").
Der soziale Kontext (Bar, Party, Terrasse) multipliziert visuelle und olfaktorische Auslöser.
Die euphorisierende Wirkung des Alkohols macht Lust, das Gefühl mit einer Zigarette zu verstärken.
Mythos vs. Realität
Konkrete Strategien für die Abende
Beide gleichzeitig reduzieren: eine gute Idee?
Aktuelle Suchtforschung deutet darauf, dass die gleichzeitige Behandlung beider Süchte oft bessere Ergebnisse bringt als eines nach dem anderen. Warum?
Die gemeinsamen Hirnschaltkreise: das eine zu lindern erleichtert das andere.
Alkohol zu reduzieren senkt die Auslöser der Zigarette (und umgekehrt).
Der Effekt „alles wird besser" nährt die Motivation.
Und Kaffee?
Kaffee aktiviert einen anderen Schaltkreis (Adenosin), ist aber durch Konditionierung (Morgenritual) ebenfalls stark mit der Zigarette verbunden. Siehe unseren eigenen Artikel.
In Deutschland
Deine Fragen
-
Wenn ich weniger trinke, rauche ich automatisch weniger?
Oft ja. Studien zeigen: das eine zu reduzieren senkt das andere im Kaskadeneffekt. Aber nicht garantiert – manche behalten ihren Tabakkonsum unabhängig bei. -
Muss ich beim Aufhören vom Tabak ganz mit dem Alkohol aufhören?
Nicht zwingend, aber die ersten Wochen stark zu reduzieren funktioniert gut. Du steigst danach schrittweise in einem kontrollierten Rahmen wieder ein. -
Warum rauche ich mindestens eine Zigarette pro Glas, auch wenn ich „aufgehört" habe?
Weil dein Gehirn jahrelang gelernt hat: Glas + Zigarette = Combo. Solange diese Verbindung besteht, weckt der Alkohol die Zigarette. Brich eine der beiden, um den Reflex zu lösen. -
Hilft Alkoholfreies wirklich?
Ja. Alkoholfreie Biere und Aperitifs erhalten das soziale Ritual, ohne den dopaminergen Schaltkreis auszulösen. Viele Ex-Raucher finden hier einen nützlichen Kompromiss. -
Und Cannabis mit Tabak gemischt?
Komplexer: drei Mechanismen (THC, Alkohol, Nikotin) werden kombiniert. Siehe unseren Artikel zu Joints und Cannabis.
quellen
Reynolds LM, Faure P et al., A common neural circuit for reward and anxiety induced by nicotine and alcohol, Nature Communications, 2025.
National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism, Alcohol and Tobacco, Alcohol Alert No. 71.
Kalman D, Kim S, DiGirolamo G, Smelson D, Ziedonis D, Addressing tobacco use disorder in smokers in early remission from alcohol dependence, Clinical Psychology Review, 2010.
OFDT, Drogues et addictions, données essentielles, Ausgabe 2024.
auch lesen